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Warum der DFB zu wenig Frauen mit Migrationshintergrund erreicht


Stand: 22.06.2022 10:17 Uhr

Im aktuellen EM-Kader der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gibt es nur drei Spielerinnen mit Migrationshintergrund. Warum ist das so?

Martina Voss-Tecklenburg erntet zunächst keinen Widerspruch, wenn die Bundestrainerin die deutsche Frauen-Nationalmannschaft als beispielhaft für Diversität und Offenheit ansieht.

Ihre stellvertretende Kapitänin Svenja Huth machte zuletzt fast beiläufig öffentlich, dass sie den kurzen Urlaub vor der EM-Vorbereitung dafür genutzt hat, ihre Lebensgefährtin zu heiraten. Die 31-Jährige sprach in Herzogenaurach vor laufender Kamera über “die Trauung im Kreis meiner Liebsten”, nun wolle sie aber Vollgas für die EM in England (6. bis 31. Juli) geben.

Tatsache ist aber auch: Im Mutterland des Fußballs wird Deutschland wie bei den vorangegangen Turnieren mit einem Team antreten, bei dem sich die Akteurinnen mit Migrationshintergrund an den Fingern einer Hand abzählen lassen. Von 23 Spielerinnen sind es nur drei: Nicole Anyomi, deren Vater aus Togo, die Mutter aus Ghana stammt, und Sara Doorsoun, Tochter eines iranischen Vaters und einer türkischen Mutter. Dazu kommt Kathrin Hendrich, die eine belgische Mutter hat, im belgischen Eupen geboren wurde und auch beide Staatsbürgerschaften besitzt.

Die neue DFB-Vizepräsidentin kennt das Thema

Der flüchtige Blick aufs Mannschaftsfoto reicht, um festzustellen, dass die DFB-Frauen weniger divers sind als die Männer. Die Frauen-Nationalmannschaft spiegelt ein Grundproblem wider, das gerne mal unter den Tisch fällt. Der deutsche Fußball schafft es nicht, genügend Spielerinnen mit Migrationshintergrund zu gewinnen – und das könnte ihn langfristig sogar existenziell bedrohen, wie die neue DFB-Vizepräsidentin Silke Sinning findet.

Das Teamfoto der DFB-Frauen zur EM in England

Die lange im Hessischen Fußball-Verband mit dem Thema betraute Sportwissenschaftlerin sagte nach ihrer Wahl in den DFB-Vorstand: “Grundsätzlich finde ich, dass es Frauen in typisch männlich geprägten Sportarten wie Boxen oder Fußball heutzutage leichter haben als Männer, die sich für weiblich zugeschriebene Sportarten wie Synchronschwimmen, Ballett oder Eistanzen interessieren.”

Den Vereinen falle es vor Ort aber schwer, in Familienstrukturen reinzukommen, in denen noch der Mann die klassische Führungsrolle habe. Daher, so Sinning, “sind für mich der Kindergarten und die Schule der erste Ansatz, hier Angebote zu erstellen. Wenn die Mädchen sich hier für den Fußball begeistern, dann schaffen sie es auch, ihren Vater zu überzeugen, dass sie Fußball im Verein spielen wollen.”

Die Rückgänge sind alarmierend

Aus der neuesten DFB-Mitgliederstatistik geht hervor, dass wieder 2,21 Millionen Spieler und Spielerinnen im organisierten Spielbetrieb am Ball sind. So viele wie seit 2017/2018 nicht mehr. Doch 2,02 Millionen aktiven Jungen und Männern stehen nur noch knapp 187.00 Spielerinnen gegenüber. Zwar stieg insbesondere der Anteil der Mädchen bis 16 Jahren auf mehr als 103.000 kräftig, doch der Trend zeigt insgesamt nach unten.

2016/2017 hatte der DFB noch 279.640 Spielerinnen. Es ist kein Geheimnis, dass der dramatische Rückgang auch damit zusammenhängt, dass es augenscheinlich nicht wie im Nachbarland Frankreich gelingt, genügend Frauen und Mädchen mit einer Zuwanderungsgeschichte abzuholen. Deshalb sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf: “Wir müssen diverser werden, das zeigt die Statistik deutlich – ob bei den Mitgliedern, den Aktiven, den Trainerinnen und Trainern oder im Schiedsrichterwesen. Hier hat der Fußball großes Potenzial.”

DFB-Präsident Bernd Neuendorf kennt das Problem

Während bei den männlichen U16-, U17-, oder U18-Nationalmannschaften teilweise mehr als die Hälfte der Auswahlakteure einen Migrationshintergrund besitzen, ist dieser Anteil bei den weiblichen Teams deutlich geringer, obgleich der DFB darüber keine offiziellen Statistiken erhebt. Neuendorf beantwortete die entsprechende Nachfrage der Sportschau so: “Dass wir Probleme beim Frauenfußball haben, hat mich schon als Präsident eines Landesverbandes (Mittelrhein, Anm. d. Red.) umgetrieben, wo wir noch viel näher an den Problemen der Vereine dran sind. Ich gebe Ihnen recht, die Zahlen sind alarmierend.”

Der 60-Jährige hofft, dass von der EM in England ein “gewisser Impuls” ausgeht. “Ich glaube, dass ein bisschen was davon überschwappt.” Zudem soll die gemeinsame Bewerbung mit den Niederlanden und Belgien um die WM 2027 eine Belebung bringen.

Sara Doorsoun macht sich auch Gedanken

Die aktuelle Nationalspielerin Sara Doorsoun wird häufiger auf das Thema angesprochen, die Verteidigerin von Eintracht Frankfurt hat eine beträchtliche Follower-Zahl in ihren sozialen Medien aus dem Iran. “Bei mir war es zum Glück nie ein Thema, dass ich nicht spielen durfte. Dafür bin ich auch sehr dankbar, denn ich weiß ja, dass es noch viele Mädchen gibt, die dafür kämpfen müssen”, sagt die 30-Jährige.

“Eine Freundin von mir, Tugba Tekkal, die früher beim 1. FC Köln gespielt hat, setzt sich heute sehr stark dafür ein, dass Mädchen mit Migrationshintergrund auch Fußball spielen. Da habe ich erlebt, dass man an die Türen klopfen und den Eltern versichern muss, dass ihre Mädels zum Training abgeholt und danach wieder nach Hause gebracht werden.” Insgesamt sei die Thematik sehr komplex, deshalb könne sie nicht sagen, man müsse dies oder das tun.

Nationalspielerinnen mit Migrationshintergrund: Nicole Anyomi und Sara Doorsoun

Was sie aber sagen kann: “Klar, hilft es, wenn Dzsenifer Marozsan, Nicole Anyomi oder auch ich dabei sind und Mädchen sagen können: Da spielen auch welche mit Migrationshintergrund in der Nationalmannschaft mit. Vielleicht geben Eltern dann auch kulturelle Vorbehalte auf.” Nur sind drei, vier Vorbilder vielleicht ein bisschen zu wenig.



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