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Kuntz im Interview: “Ronaldo kann uns nicht alleine besiegen”



Mit der Türkei geht Nationaltrainer Stefan Kuntz als Außenseiter ins Duell mit Portugal. Aber mit Ambitionen.  Deutschlands früherer U-21-Coach hat Euphorie entfacht, die Türken hoffen sehnsüchtig auf ihre dritte WM-Teilnahme.


Erreicht das Vorstartfieber Temperaturen wie vor den EM-Endspielen mit der U?21, Herr Kuntz? 


Ich muss gestehen, die Temperatur und die Spannung steigen jetzt kurz vor dem Spiel spürbar an.


Welche Dimension hat diese Partie für Sie als Trainer und für die Türkei?


Eine enorme vor dem Hintergrund, dass die Türkei erst bei zwei Endrunden dabei struggle. Da haben wir allein mit dem Erreichen der Play-offs für eine sehr angenehme Überraschung gesorgt.


Für das deutsche Publikum ist die WM eine Selbstverständlichkeit – für die Türkei wäre es erst die dritte Endrunde überhaupt nach 1954 und 2002. Spüren Sie da eine landesweite Euphorie oder gar eine ungesunde unrealistische Erwartungshaltung?


Es ist ein Mix aus beidem. Jetzt sehen natürlich alle eine reelle WM-Chance, da ist sicherlich eine Euphorie zu spüren. Andererseits weiß auch jeder, mit welcher Kategorie Gegner wir es zu tun haben. Aber deshalb haben wir nichts zu verlieren. Und eine Mannschaft, die nichts zu verlieren hat, ist besonders gefährlich.


Wie sehen Sie denn die Chancen gegen Portugal?


Wenn ich dazu die Zahlen und Fakten hernehme, das FIFA-Ranking, die internationale Erfahrung, die Marktwerte der Spieler, dann gibt es einen ganz klaren Favoriten, und der heißt Portugal. Aber in einem solchen Ok.-o.-Spiel ist immer alles möglich.


Sie sprechen bereits die enorme Erfahrung von Cristiano Ronaldo und Co. an – ist das andererseits eine Mannschaft, die ihren Zenit womöglich überschritten hat?


Profis sind im Kern doch alles Ich-AGs, und eine WM-Teilnahme ist die beste Vermarktungsbühne, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Deswegen bin ich sicher, dass sie alles rauskitzeln werden, um dieses Turnier zu erreichen.


Das Team struggle und ist enorm auf CR7 fokussiert. Ist der Superstar nach wie vor der Trumpf oder womöglich gerade defensiv auch ein wunder Punkt bei Portugal?


Das hat wie vieles zwei Seiten. Zuletzt wurde Cristiano Ronaldo gerade auch in Manchester ziemlich kritisiert, um dann wieder mit seinen Toren zum Matchwinner aufzusteigen. Bei diesem Spieler kann man nie wissen und jederzeit alles passieren. Aber er kann uns nicht allein besiegen.


Wir müssen selbst aktiv werden und eklig bleiben.



Welche Schwachpunkte haben Sie erkannt?


Wir haben natürlich alles Videomaterial durchleuchtet und alle aktuellen Informationen eingeholt, die wir bekommen konnten. Aber auch vor diesem Spiel ist das nur ein Teil der Vorbereitung. Wir müssen auch auf uns schauen. Wir müssen auch gegen diesen Gegner möglichst selbst aktiv werden und eklig bleiben. Wir haben auch einiges zu bieten. Wir werden alles reinwerfen und abrufen, was möglich ist, und wollen für Portugal ein sehr unangenehmer Gegner sein.


Wie in der U?21 scheint es Ihnen auch in der Türkei gelungen zu sein, sehr schnell einen starken Teamspirit zu erzeugen. Der Sprachprobleme zum Trotz, weil die Mechanismen überall gleich sind?


Es gibt sicher Aspekte, die allgemeingültig sind, dennoch ist das immer ein Ergebnis von sehr, sehr viel Kommunikation und Austausch in der Gruppe, in Einzelgesprächen. Zudem habe ich erneut ein Top-Trainerteam um mich.


Und wie weit entspricht das Fußballerische schon Ihrer Idee oder den Möglichkeiten?


Da werden wir uns noch entwickeln müssen, die Mannschaft ist doch noch recht jung. Zunächst ging es ja erst mal darum, Ergebnisse zu erzielen. Das haben wir schon mal geschafft. Dadurch hat sich nun diese unerwartete Chance aufgetan.


Im Erfolgsfall träfen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgerechnet auf den amtierenden Europameister Italien – wie oft haben Sie schon mit dem Lospech gehadert?


Meine Oma hat immer gesagt, mach’ dir nur Gedanken über Dinge, die du beeinflussen kannst.


Und wie oft schon von der WM-Teilnahme geträumt?


Noch gar nicht, dazu bin ich zu sehr Realist.


Haben Sie mit dem Erreichen der Play-offs die Anerkennung und den Rückhalt erfahren, den es braucht, um die Türkei nun sukzessive und in Ruhe zu entwickeln und zur EM 2024 in Deutschland zu führen?


Ja, das hat das Grundvertrauen noch verstärkt. Unser Präsident hat ja vorher schon die EM 2024 als das übergeordnete Ziel benannt und mir entsprechend vertraglich Zeit eingeräumt. Er weiß genau, dass erst über einen längeren Zeitraum die Arbeit konkret zu bewerten ist.


Inwieweit hat sich Ihr Trainer-Horizont bereits erweitert mit der neuen Aufgabe?


Wahnsinnig. Schon aufgrund der kulturellen Besonderheit. Da hat mir ein Seminar seinerzeit an der DFB-Akademie zur interkulturellen Kommunikation in Nachhinein sehr geholfen. Sicher auch meine Erfahrungen in meinem Jahr als Spieler bei Besiktas.


Sie fahnden dazu weiter auch in der Bundesliga nach neuen Kandidaten. Wie ist der Stand etwa bei Kölns Özcan oder Stuttgarts Karazor?


Da gibt es noch nichts Neues, diese Dinge liegen in der jetzigen Phase auf Eis.


Haben Sie zwischenzeitlich mal mit Ihrem Kollegen Hansi Flick gesprochen?


Nein.


Ist mal ein Freundschaftsspiel angedacht? Was würde Ihnen ein Duell mit Deutschland bedeuten?


Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob wir der passende Gegner wären. Wir spielen ja auch sehr europäisch. Vor der WM wären für den DFB sicher Gegner aus anderen Regionen sinnvoller. Und sollten wir uns tatsächlich auf Pflichtspielebene begegnen, hätte die Türkei schon sehr viel erreicht.


Singen Sie dann beide Hymnen mit?


Ich habe nur eine Nationalität.

Interview: Michael Pfeifer



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